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Wie man an einem Nachmittag seine eigene Firma gründet

Wie man an einem Nachmittag seine eigene Firma gründet

Selbstständigkeit, Firmengründung, Beschäftigung
 
Charlotte hält es in ihrem Job nicht mehr aus. Jeden Tag kommt sie aus Seine-Saint-Denis angereist, um in den Pariser Vierteln der Reichen für eine große amerikanische Pizzakette den Laden zu schmeißen. Charlotte ist „Assistant Manager“, was ihr die Ehre einbringt, alles zu managen: öffnen, schließen, die Versorgung, die Bestellungen, natürlich die Pizzas, die Lieferanten und ihre Mofas, die Kunden und die Umsatzziele! Die Öffnungszeiten sind praktisch, von 10 bis 15 Uhr und dann von 18 Uhr bis Mitternacht; die Tage, an denen sie arbeitet, ändern sich von Woche zu Woche, damit es spannend bleibt, die Wochenenden bleiben nicht ausgespart und dieses Jahr konnte Charlotte ihren Urlaub nicht in den Juli oder August legen. Die Bezahlung erfolgt nach Bedarf, mit einem Fixum, das Charlotte in die sehr begehrte Kategorie derer bringt, die etwas mehr verdienen als den Mindestlohn. Eine sehr menschliche Personalverwaltung, die entsprechende Resultate zeitigt: Die amerikanischen Pizzen sind definitiv lecker. Charlotte möchte also den Job wechseln. Aber was tun? Es herrscht eine Krise, der Welt geht es schlecht, Staaten sind in Gefahr, Bankrott zu machen und der Arbeitsmarkt ist flau. Das ist jedenfalls das, was man so hört. Wäre es nicht Wahnsinn, in diesem Klima die Stelle zu wechseln? Nicht unbedingt. Hier sehen Sie, wie sich Charlotte eines Nachmittags und ohne zu kündigen selbstständig macht und ihr eigenes Geschäft eröffnet.

13 Uhr: Sich eine Tätigkeit aussuchen. Die Arbeit wechseln, okay, aber was tun? Eine kleine Bestandsaufnahme: Charlotte hat ein Diplom für Sport- und Jugenderziehung, ein Spezialgebiet, nämlich Tanzen, eine Leidenschaft – Tanzen – und eine Erfahrung, die ihr gefallen hat, nämlich Tanzunterricht. Sicher ist der Tanz nicht unbedingt für seine Arbeitsmöglichkeiten bekannt. Aber wieso sollten wir uns bei der Berufswahl ausschließlich vom Arbeitsmarkt, von der Konjunktur der Sektoren und von Positionen und Qualifikationen leiten lassen, bei denen es unbefristete Arbeitsverträge gibt? Die gute Nachricht: Es ist durchaus legitim, sich bei unserer Laufbahn an unseren ganz persönlichen Leidenschaften, Bedürfnissen und unserem Können zu orientieren. Sie sind Garanten für Motivation und berufliches Engagement und somit Träger von Wohlbefinden und Erfolg. Charlotte könnte entweder den Posten und das Gehalt der „Managerin“ eines Pizza-Lieferdienstes anstreben – das wäre die Laufbahn, die von vernünftigen Menschen und vom Arbeitsmarkt empfohlen wird. Aber Charlotte arbeitet sich ab, sie blüht nicht auf, hat keine Zeit für sich und verdient nicht einmal anständig ihren Lebensunterhalt. Sie muss etwas ändern und neue Energie schöpfen. Es ist beschlossene Sache: Charlotte sucht sich eine Tätigkeit, die etwas mit Tanzen zu tun hat.

14 Uhr: einen Markt identifizieren. Wie soll man mit einer Leidenschaft oder einer Fähigkeit Geld verdienen? Tanzen ist ja gut und schön, aber Charlotte muss Rechnungen bezahlen, sie trägt Verantwortung und kann es sich nicht erlauben, heute weniger zu verdienen. Sie könnte Tanzlehrerin in einer staatlichen oder privaten Einrichtung werden, aber da sind die Stellen dünn gesät und die Bewerber zahlreich. Und dann haben wir ja auch die Krise und so weiter. Eine weitere gute Nachricht: In Frankreich gibt es trotzdem Geld. Während die einen Schulden machen, legen die anderen an. Man sagt uns, dass die Ungleichheiten zunehmen, und das heißt, dass sich hier und da erhebliche Geldmengen anhäufen, in bestimmten Unternehmen und bei bestimmten Privatpersonen. Angesichts unserer Leidenschaft oder unseres Könnens wäre es sinnvoll, ihnen eine Dienstleistung oder ein Produkt anzubieten. Ein sehr pragmatisches unternehmerisches Vorgehen: das Geld dort holen, wo es ist. Beispielsweise könnte Charlotte den Bewohnern des Viertels, in dem sie Pizza verkauft, Tanzstunden zu Hause anbieten. Diese Pariser verfügen über komfortable Finanzmittel, sind oft selbst sehr in ihre Berufstätigkeit eingespannt und manche von ihnen würden sich bestimmt sehr über einen persönlichen Fitness-Service freuen. Das ist übrigens keine Erfindung von uns, denn der Sporttrainer, der ins Haus kommt, ist en vogue. Charlotte könnte einen hochwertigen, persönlich zugeschnittenen Service mit hohem Mehrwert anbieten und im Austausch dafür eine Bezahlung bekommen, die für sie komfortabel und für ihre Kunden erschwinglich ist. Charlotte hat zwar kein BWL studiert, aber trotzdem einen Markt, eine Nachfrage und eine realistische Einnahmequelle identifiziert. Wenn sie sich so positioniert, kann sie hoffen, doppelt so viel zu verdienen wie im Moment, nur halb so viel zu arbeiten, ihre Arbeitszeiten selbst einzuteilen und etwas zu tun, was ihr Spaß macht.

15 Uhr: die Tätigkeit anmelden. Jetzt braucht Charlotte eine legale Existenz, eine Grundlage für die Berufsausübung. Auch da gibt es eine gute Nachricht, denn sie kann sich sofort als Kleinstunternehmerin selbstständig machen. Gerüstet mit einem Computer, einem Internetanschluss, mit ihrer Sozialversicherungsnummer und einem gescannten Personalausweis gründet Charlotte mit ein paar Klicks ihr Unternehmen. Sie geht auf die Internetseite des Centre de Formalité des Entreprises. Das Formular ist relativ einfach und lässt sich schnell ausfüllen. Charlotte gibt ihre persönlichen Daten an, beschreibt knapp ihre künftige Tätigkeit („persönliches Sport-Training zu Hause“), gibt an, dass sie derzeit Arbeitnehmerin ist, gibt als Arbeitsstätte „beim Kunden“ an und entscheidet sich für den monatlichen Steuereinzug auf der Grundlage ihres Umsatzes, was ihre künftigen Steuerangelegenheiten sehr vereinfacht. Sie hängt die Kopie ihres Personalausweises an und mit einem Klick ist der Antrag abgeschickt. Sie bekommt sofort ein Aktenzeichen und dürfte schon arbeiten, die Registrierung ihres Unternehmens ist im Gange. Schon zwei Wochen danach bekommt sie ihre SIRET-Nummer. Ihr Kleinstunternehmen ist geboren, hat seinen Sitz an ihrer Privatadresse, läuft über ihr privates Girokonto und sie darf damit im Jahr 32.000 Euro Umsatz machen. Solange Charlotte nichts verdient, bezahlt sie keine Steuern, sie behält ihren Arbeitnehmerstatus, ihre Stelle sowie das Einkommen und die Arbeitgeberbeiträge, die damit verbunden sind. Die französische Bürokratie wird ja oft kritisiert, aber Hut ab! Charlotte hat ohne Infrastruktur in weniger als einer Stunde und ohne einen Pfennig auszugeben ein Unternehmen gegründet.

16 Uhr: Geschäftseröffnung. Die öffentliche Verwaltung steht jetzt also auf unserer Seite. Und noch eine gute Nachricht: die Technik auch! Das Internet und einige seiner Akteure werden es uns erlauben, innerhalb weniger Stunden eine Infrastruktur aufzubauen. Im ersten Schritt legt Charlotte auf gmail eine geschäftliche E-Mail-Adresse an. Sobald sie sich registriert hat, bekommt sie kostenlos eine reichhaltige Werkzeugpalette: Einen Terminkalender und einen Bereich „Text & Tabellen“, in dem sie Rechnungen und Abrechnungen erstellen und speichern, diverse Dateien ablegen kann und so weiter. Außerdem verfügt Charlotte damit über ein Tool, mit dem sie ohne Informatik-Kenntnisse Websites ins Internet stellen kann: Google Sites. Das ist ihr zweiter Schritt: eine Website erstellen. Innerhalb weniger Stunden stellt Charlotte eine einfache Website zusammen: Eine Homepage mit Foto und einer knappen Beschreibung ihrer Dienstleistungen, eine Seite mit Preisen und eine Kontaktseite. Charlotte wird über jede neue Anfrage per E-Mail informiert und die Namen und Adressen aller voraussichtlichen Kunden werden automatisch in ihre Kontakt-Tabelle eingetragen. Es stimmt zwar, dass Google dann alles über Charlottes Unternehmen weiß, doch es gibt ja nichts wirklich umsonst – aber jetzt ist Charlotte gewappnet und hat professionelles „Material“! Dritter Schritt: einen Domain-Namen, also ein Internet-Firmenschild beziehungsweise eine Internetadresse kaufen. Charlotte geht auf eine der zahlreichen Seiten, auf denen man Domains kaufen kann, zum Beispiel gandi.net, und kauft für zwölf Euro die URL* www.charlotte-sport-coach.com, die sie mit einem Klick der Website zuweisen kann, die sie gerade erstellt hat. Jetzt hat Charlottes Kleinstunternehmen eine eigene Website und kann ab sofort online kommunizieren. Jetzt muss es noch offline kommunizieren können. Vierter Schritt: Visitenkarten beschaffen. Auf einer der vielen Visitenkarten-Seiten, beispielsweise auf moo.com, sucht sich Charlotte ein Design aus, gibt ihre Angaben ein, klickt, macht „Drag and Drop“, gestaltet das Layout und bestellt für 50 Euro 250 gedruckte Visitenkarten. Für die wenigen Stunden und die paar Dutzend Euro, die Charlotte aufgebracht hat, verfügt sie jetzt über einen Maildienst, einen Terminkalender und ein Geschäft, das im Netz rund um die Uhr geöffnet hat, eine echte Software-Infrastruktur und eine Datenbank – und auf alles hat sie jederzeit von ihrem Computer oder von ihrem Smartphone aus Zugriff. Charlotte hat somit ein funktionierendes Büro, mit dem sie kommunizieren, empfangen, präsentieren und lagern kann, sie hat ein Firmenschild und sie hat ihr Geschäft bereits eröffnet.

Es ist 20 Uhr, für heute hat Charlotte genug gerackert. Und es liegt noch ein langer Weg vor ihr. Morgen muss sie Kursprogramme zusammenstellen und vor allem Kunden finden. Laut dem offiziellen Bericht über Kleinstunternehmer, der zwei Jahre nach Einführung dieses Status veröffentlicht wurde, hatten 73 Prozent dieser Selbstständigen schon etwas in Rechnung gestellt und nur ein Drittel von ihnen fand, sie seien mit ihrem Kleinstunternehmen ein Risiko eingegangen. Angesichts des flauen Arbeitsmarkts erscheint das Kleinstunternehmen als glaubwürdige Alternative. Und noch nie hat uns die Technologie so viele professionelle Dienstleistungen für so wenig Geld und mit so wenig Ausrüstung geliefert wie heute. Trotzdem werden wir noch tausend warnende Stimmen hören, die uns mahnen, dass das alles nicht so leicht ist, dass man nicht in zwei Stunden eine Idee findet, dass man nicht an einem Nachmittag ein Unternehmen gründet, dass das alles gefährlich ist und ganz grundsätzlich, dass man nicht immer tut, was man will! Man darf diesen Stimmen nicht böse sein, denn sie wollen uns schützen. Aber zumindest scheint es, als wäre es noch nie so leicht gewesen wie heute, es trotzdem zu versuchen.

*URL (frei nach Wikipedia): Die Abkürzung URL (Uniform Resource Locator, wörtlich etwa „einheitlicher Ressourcen-Locator“), im allgemeinen Sprachgebrauch auch als Internetadresse oder Webadresse bezeichnet, ist eine Zeichenfolge, mit der Ressourcen im World Wide Web angesprochen werden.

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